Mein Schönstes Spiel
Dirk Fischer
(19. September 1989) FC Homburg - Fortuna Düsseldorf 1:0

Homburg, wir kommen
Das Jahr 1989 erlebten wir wie im Rausch. Die Fortuna legte unter Aleksandar Ristic in der Rückrunde 88/89 einen phänomenalen Endspurt hin. Mit sieben Siegen in Folge beschloß die Fortuna die Saison als souveräner Zweitliga-Meister. Der Beginn der Bundesligasaison 89/90 bescherte uns viel Lob, aber wenig Punkte. Mit 7:11 Zählern traten wir die Reise zum Mitaufsteiger FC Homburg an. Das war jenes legendäre Spiel, das an einem Dienstag Nachmittag stattfand. Diese ungewöhnliche Anstoßzeit wurde nur unzulänglich kommuniziert. Noch heute treffe ich immer wieder auf wildfremde Menschen, die da-von schwärmen, wie sie damals in Homburg pünktlich zum Abpfiff das lauschige Waldstadion erreich-ten.
Eine Bierchen bitte
Meine Wenigkeit war jedoch rechtzeitig da und so beschloß ich die Lage am Bierstand auszubaldowern, der sich nur fünf Meter hinter dem Gästeblock befand! Kein Preisschild. Mißtrauisch bestellte ich ein Karlsberg Urpils. "2 Mark 50, junger Mann" sagte die gemütliche Dame, während sie mir einen 0,4 Liter Gefäß reichte. Gedankenblitze zuckten durch mein Hirn: Befinde ich mich auf einer Zeitreise in die DDR der 50er Jahre? Wirbt sie Sektenmitglieder? Verführung Unmündiger? Liegt ein fataler Irrtum vor oder bin ich bloß Profiteur des Pillenknicks? Ich nahm den Becher und verschwand, schwor aber wiederzu-kommen. Ein Versprechen, das ich im Schnitt alle drei Minuten einlöste. Nach und nach sprach sich herum, daß das Paradies auf Erden doch exisierte und der Block wurde leerer - Bierstand und Fans da-gegen immer voller. Übermütig versuchten einige sogar die Bude davonzutragen, um sie in Düsseldorf wiederaufzubauen. Ein Versuch der vier Jahre später mit dem Würstchenstand in Teveren ebenso schei-tern sollte. Die 14 Becher, die ich während der zwei Stunden im Stadion trank, setzten erstaunliche Kräfte in mir frei. Ich schaffte es gleichzeitig am Biertresen zu sein, meine gute Kinderstube zu verges-sen, wie ein Höhlenmensch zu wirken sowie ständig am Zaun zu hängen. Mein hilfloses Opfer war dabei Petr Rada, den ich in der Schlußphase lautstark für alle Verfehlungen meines Lebens verantwortlich machte. Es half nichts. Die Homburger zerrten die Fortuna auf ihr unterirdisches Niveau herunter und machten sie im Liegen fertig. Eine Leistung, die Taktiker Ristic mit der Fortuna noch perfektionieren soll-te.
Perle rot-weiß
Wir unterlagen mit 1:0 durch ein Tor des Ex-Fortuna-Amateurs Daniel Jurgeleit. Trotzdem verließen wir singend und tanzend das Stadion, begleitet von neugierigen Menschen in schicken Kampfanzügen. Unter ihnen erspähte ich eine wunderschöne Frau mit rotem Haar und einem zauberhaften Gesicht mit weißem Teint ("Perle rot weiß"). Zu dem damaligen Zeitpunkt verliebte ich mich in jedes weibliche Wesen mit Haaren und Gesicht - zumindest nach dem Genuß von reinem Alkohol. Ihre grüne Uniform machte sie nur noch begehrenswerter. Wie schwer könnte es schon sein - total besoffen - das Herz einer Polizistin zu erobern? Noch dazu im Kreise ihrer Kameraden, die uns alle am liebsten umbringen wollten? Ich hat-te schon vor größeren Problemen gestanden. Sie zwar nicht gelöst, aber immerhin gelernt mich und an-dere höllisch zu blamieren. Außerdem glaubte ich, eines jener melancholisch verträumten Wesen zu sein, die in der Dämmerung jagen, und denen sich ihre Opfer freiwillig ergeben. Ich versuchte sie davon zu überzeugen, daß sie zu mir und ich zu ihr gehöre. Was mir auch auch fast gelang. Fußtritte, Schubser und Anschreien tat ich als Bestandteil unseres Rollenspiels ab. Ihre Kollegen waren verstärkt der Mei-nung, daß ich statt zu ihr besser zu tätowierten Bestien in kleine Räume ohne Fenster und Klosett gehö-re. Besonnene Freunde konnten Schlimmeres verhindern. Ich täuschte den Rückzug vor, überlegte mir schon eine neue Strategie, vergaß sie aber sofort wieder. Brisant wurde es nochmal, als ich aus dem hinteren Fenster meines eigenen Autos hing und schrie: Zick - Zack - Wuppertal. Schlagstöcke und Handschellen wurden gezückt. Unser Fahrer gab Gas und wir entschwanden in die dunkle Nacht, die noch bis zum sehr frühen Mittwochmorgen andauern sollte. Aber davon an anderer Stelle mehr.

Dirk Fischer

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