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Homburg,
wir kommen
Das Jahr 1989 erlebten wir wie im Rausch. Die Fortuna legte unter Aleksandar
Ristic in der Rückrunde 88/89 einen phänomenalen Endspurt
hin. Mit sieben Siegen in Folge beschloß die Fortuna die Saison
als souveräner Zweitliga-Meister. Der Beginn der Bundesligasaison
89/90 bescherte uns viel Lob, aber wenig Punkte. Mit 7:11 Zählern
traten wir die Reise zum Mitaufsteiger FC Homburg an. Das war jenes
legendäre Spiel, das an einem Dienstag Nachmittag stattfand. Diese
ungewöhnliche Anstoßzeit wurde nur unzulänglich kommuniziert.
Noch heute treffe ich immer wieder auf wildfremde Menschen, die da-von
schwärmen, wie sie damals in Homburg pünktlich zum Abpfiff
das lauschige Waldstadion erreich-ten.
Eine Bierchen bitte
Meine Wenigkeit war jedoch rechtzeitig da und so beschloß ich
die Lage am Bierstand auszubaldowern, der sich nur fünf Meter hinter
dem Gästeblock befand! Kein Preisschild. Mißtrauisch bestellte
ich ein Karlsberg Urpils. "2 Mark 50, junger Mann" sagte die
gemütliche Dame, während sie mir einen 0,4 Liter Gefäß
reichte. Gedankenblitze zuckten durch mein Hirn: Befinde ich mich auf
einer Zeitreise in die DDR der 50er Jahre? Wirbt sie Sektenmitglieder?
Verführung Unmündiger? Liegt ein fataler Irrtum vor oder bin
ich bloß Profiteur des Pillenknicks? Ich nahm den Becher und verschwand,
schwor aber wiederzu-kommen. Ein Versprechen, das ich im Schnitt alle
drei Minuten einlöste. Nach und nach sprach sich herum, daß
das Paradies auf Erden doch exisierte und der Block wurde leerer - Bierstand
und Fans da-gegen immer voller. Übermütig versuchten einige
sogar die Bude davonzutragen, um sie in Düsseldorf wiederaufzubauen.
Ein Versuch der vier Jahre später mit dem Würstchenstand in
Teveren ebenso schei-tern sollte. Die 14 Becher, die ich während
der zwei Stunden im Stadion trank, setzten erstaunliche Kräfte
in mir frei. Ich schaffte es gleichzeitig am Biertresen zu sein, meine
gute Kinderstube zu verges-sen, wie ein Höhlenmensch zu wirken
sowie ständig am Zaun zu hängen. Mein hilfloses Opfer war
dabei Petr Rada, den ich in der Schlußphase lautstark für
alle Verfehlungen meines Lebens verantwortlich machte. Es half nichts.
Die Homburger zerrten die Fortuna auf ihr unterirdisches Niveau herunter
und machten sie im Liegen fertig. Eine Leistung, die Taktiker Ristic
mit der Fortuna noch perfektionieren soll-te.
Perle rot-weiß
Wir unterlagen mit 1:0 durch ein Tor des Ex-Fortuna-Amateurs Daniel
Jurgeleit. Trotzdem verließen wir singend und tanzend das Stadion,
begleitet von neugierigen Menschen in schicken Kampfanzügen. Unter
ihnen erspähte ich eine wunderschöne Frau mit rotem Haar und
einem zauberhaften Gesicht mit weißem Teint ("Perle rot weiß").
Zu dem damaligen Zeitpunkt verliebte ich mich in jedes weibliche Wesen
mit Haaren und Gesicht - zumindest nach dem Genuß von reinem Alkohol.
Ihre grüne Uniform machte sie nur noch begehrenswerter. Wie schwer
könnte es schon sein - total besoffen - das Herz einer Polizistin
zu erobern? Noch dazu im Kreise ihrer Kameraden, die uns alle am liebsten
umbringen wollten? Ich hat-te schon vor größeren Problemen
gestanden. Sie zwar nicht gelöst, aber immerhin gelernt mich und
an-dere höllisch zu blamieren. Außerdem glaubte ich, eines
jener melancholisch verträumten Wesen zu sein, die in der Dämmerung
jagen, und denen sich ihre Opfer freiwillig ergeben. Ich versuchte sie
davon zu überzeugen, daß sie zu mir und ich zu ihr gehöre.
Was mir auch auch fast gelang. Fußtritte, Schubser und Anschreien
tat ich als Bestandteil unseres Rollenspiels ab. Ihre Kollegen waren
verstärkt der Mei-nung, daß ich statt zu ihr besser zu tätowierten
Bestien in kleine Räume ohne Fenster und Klosett gehö-re.
Besonnene Freunde konnten Schlimmeres verhindern. Ich täuschte
den Rückzug vor, überlegte mir schon eine neue Strategie,
vergaß sie aber sofort wieder. Brisant wurde es nochmal, als ich
aus dem hinteren Fenster meines eigenen Autos hing und schrie: Zick
- Zack - Wuppertal. Schlagstöcke und Handschellen wurden gezückt.
Unser Fahrer gab Gas und wir entschwanden in die dunkle Nacht, die noch
bis zum sehr frühen Mittwochmorgen andauern sollte. Aber davon
an anderer Stelle mehr.
Dirk Fischer
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