Unvergessen
Hatebreed
Die unglaubliche Fahrt nach Chemnitz

Um totaler Fortune zu sein, muss man zu einem gewissen Teil schon bekloppt sein. Ich war bis zu meinem 16ten Lebensjahr noch in einem gesundem Maße von diesem Rot-Weißen Virus infiziert, das heißt ich war ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher an einem gewöhnlichem Gymnasium im Umkreis Düsseldorfs.
Mein Leben verlief in absolut geregelten Bahnen; morgens in die Schule, nachmittags ein bisschen Skateboard fahren auf dem Marktplatz, am Wochenende mit Vater und Brüderchen zu Heimspielen in Rheinstadion.
Bis dahin kein Anzeichen von unreflektiertem Fanatismus oder sonstigen geistigen Unregelmäßigkeiten...
Doch es kam ganz anders, es begab sich, dass die Dinge eine unheimliche Eigendynamik entwickelten und mein Leben für immer veränderten. Manche nennen es Schicksal, ich habe immer noch keinen Ausdruck für die Monate nach meinem 16ten Geburtstag!
Es spielen hier zwei Faktoren eine Rolle, die ich hier der Vollständigkeit halber erwähnen muss, um die unglaublichen Umstände zu verdeutlichen. Erstens hatte ich zum Geburtstag einen Motorroller der Firma Vespa geschenkt bekommen, wie ihn eine Menge Jugendlicher zu dieser Zeit besaßen. Eine lilafarbene PX 80, vorne mit einem großen Fortunaaufkleber, und die Backen verziert mit den Aufklebern meiner Lieblingsbands "Sick of it All" und "Beastie Boys".
Und das andere war ein blondes Mädchen aus Kaiserswerth namens Alexandra. Ich habe mich schon im Alter von 14 in sie verliebt, als ich sie auf einer Party tanzen gesehen habe. Jedoch hab ich nie gedacht, dass ich jemals so einen Engel als Freundin bekommen würde. Doch anscheinend hatte ich mich selbst unterschätzt. Bevor sich alle abwenden und schon denken, das hat doch mit Fortuna nichts zu tun, muss ich anmerken: es hat ganz grob DOCH etwas mit meinem persönlichem Gesamtkomplex Fortunafan zu tun. Um es doch kurz zu machen; Fortuna spielte eine fantastische Rückrunde in der Zweitligasaison 1995, ich hatte zum ersten mal eine Freundin und war mit dem Motorroller relativ mobil und unabhängig von meinen Eltern.
Es war eine unglaubliche Zeit; die 100 Jahresfeier, die Erfolge, mein Erwachsenwerden, der Duft von Abenteuer und Freiheit... und dies alles sollte einen Höhepunkt für mich nehmen in einem einzigen Spiel, welches ich NIEMALS vergessen werde.
Es war der 16.06. und ich durfte zum ersten mal bei meiner Freundin übernachten, da ihre Eltern 7 Tage im Urlaub waren. Nun am morgen des 17.06. bin ich nicht mehr als Teenager aufgewacht, sondern als Mann, wenn ihr versteht was ich meine. Ein unglaubliches Gefühl, mein Selbstbewusstsein aufgebläht wie ein Heißluftballon, doch noch im laufe des Morgens passierte etwas in mir. In allen Zeitungen wurde das wichtige Spiel in Chemnitz bekannt gegeben , mit einem Sieg wäre uns die 1.Liga so gut wie sicher. Ein unglaublicher Drang nach Fortuna machte sich in mir breit, dem alle anderen Dinge in meinem Kopf weichen mussten.
Und so geschah es wie ich es sonst nur aus dem TV kannte, der Böse Mann verlässt die weinende Frau zuhause um zu seinem Verein zu fahren. Immer wenn ich das gesehen habe, habe ich mir geschworen, niemals so zu sein, aber dass es so schnell geht, und ich jetzt auch noch Sympathie und Verständnis für die in den Fernsehserien als schmuddelige, unrasierte Groblinge charakterisierten Fussballasis empfand, verwunderte mich sehr.
Dies sollte meine erste Auswärtsfahrt überhaupt sein, und dann direkt nach Chemnitz!!!!!
Gegen 4 Uhr in der Früh am 18.06.00 schwang ich mich auf meinen Roller, und tuckerte gen Osten. Als Rollerfahrer muss man bedenken, dass man nur 80 fahren kann, und man alle 60 KM neu volltanken muss, da in den Tank nur 5 Liter passen. Und so kam es dass ich an JEDER Autobahnraststätte hielt, um dem Tankwart 8DM für einmal voll tanken überreichte. Ab Kassel wurde die Autobahn komplett Rot und Weiß, dieser Anblick nahm mir die letzten Zweifel an meiner Tat, und ich sah vor meinem inneren Auge Tausende Mädchen zuhause sitzen und heulen!
Damals waren die Ostautobahnen noch richtig "Made in DDR", d.h. zusammengesetzt aus einem riesigen Stück, und die Fugen dazwischen mit einem schwarzen Teerzeugs mehr schlecht als recht verkleistert. Somit wurde die Fahrt ab dem Zeitpunkt zu einer richtigen Tortur, denn alle 15 m hob ich mit dem Ding ein paar Zentimeter ab und landete dann sehr unsanft, was übelst ins Kreuz ging. Noch schlimmer war meine finanzielle Situation, denn nach einigem Rechnen kam ich zu dem Schluss, dass ich nix mehr trinken und essen konnte wenn ich mir den Eintritt UND die Rückfahrt leisten wollte!
Das Spiel war schon in der 70. Minute als ich auf dem matschigen Vorplatz vor dem Stadion ankam, doch der grenzenlose Jubel, und die frenetischen "Fortuna, Fortunaaa" Rufe sagten mir, wir hatten es geschafft... Als ich den Helm und meine 3 Jacken auszog meldete sich mein geschundener Körper, alle Gliedmassen unglaublich steif und die Kehle trocken wie die Wüste Gobi, meine Augen längst durch die Fahrt mit einer prächtigen Bindehautentzündung ausgestattet, und meinen Ohren ging es auch nicht besser. Mir fehlte die Kraft den Roller aufzubocken, und ließ ihn einfach ins Grass plumpsen. Doch dies bekam ich schon gar nicht mit, denn die Gewissheit von Fortunas Sieg, und dass ich mich in dem Augenblick in Chemnitz befand, trieben mir in diesem unglaublich rührenden Augenblick die Tränen in die Augen. Und so setzte ich mich unter den Augen von Hunderten verdutzten Polizisten im Schneidersitz neben meinem Roller, und begann hemmungslos in meinen Fortunaschal zu schluchzen. Nach Ende des Spiels bekam ich von einem der Ordner eine Brühwurst und eine Cola ausgegeben, und fuhr dann auch ohne eine Minute vom Spiel gesehen zu haben, nach Düsseldorf zurück...

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