Nimm mich Volley
Ausgabe 3 - März 2000
 
 Ausschnitte aus der Ausgabe


Ein schlafender und sich auf Bäumen paarender Pechvogel

Achenbach Interview - Zurück nach Basel

René Bachmann - Ein Fortuna Fan auf Job-Suche

Manfred Bockenfeld - Stichworte









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Achenbach Interview - Zurück nach Basel

Volley traf Fortunas Vorstandssprecher Helge Achenbach. Ein Mann, dessen visionäre Kräfte ungebrochen sind. Wir werden genau beobachten, ob seine Ideen an den Klippen der Realität zerschellen oder ob wir tatsächlich zu Lebzeiten noch einmal europäisch spielen werden.

VOLLEY: Neulich behauptete jemand, "der wirkliche Job vom Achenbach steht nirgendwo - Gefängnispsychologe".
Achenbach: Ich habe tatsächlich ein Jahr im Jugendstrafvollzug in Siegburg gearbeitet als Sozialpädagoge im Referendariat.

VOLLEY: Ist ihnen die Arbeit zugute gekommen im Umgang mit Horden wilder Fans?
Achenbach: Einmal das, aber auch in der Zusammenarbeit mit Vorständen (lacht).

Mauritz, Hauswald und die Kunstmarktkrise
VOLLEY: Nun wissen wir, daß sie als Knastseelsorger tätig waren. Aber sonst ist wenig über ihr Leben bekannt.
Achenbach: Ursprünglich komme ich aus Siegen. Mit vierzehn Jahren bin ich nach Düsseldorf gezogen. Nach meinem Fachabitur begann ich 1970 im roten Eller mit dem Studium der Sozialpädagogik. Parallel dazu haben wir eine kleine Galerie aufgemacht. Sie war völlig defizitär - es ging mir aber darum, mich mit kultigen Künstlern zu beschäftigen. Im Anschluß an mein Examen bin ich 1975 als Geschäftsführer einer großen Galerie in den professionellen Kunsthandel eingestiegen. Dort habe ich zum ersten Mal unternehmerische Kompetenz erlernt. Zwei Jahre später erfolgte mein Schritt in die Selbständigkeit. Ich wurde der erste Art Consultant (Kunstberater) Deutschlands. Während der Kunstmarktkrise 1990 habe ich systematisch versucht im Sinne einer Veränderungsstrategie andere unternehmerische Aktivitäten zu entwickeln. Dies gelang mir durch Investitionen im Bereich Architektur und Design oder mit der Gründung einer Filmproduktionsgesellschaft. Diese kreiert anspruchsvolle Spielfilme z.B. für Arte. Also eher die schwierigen Stoffe. Zusätzlich halte ich Beteiligungen an Hochtechnologieunternehmen. In diesen Tagen gehen wir mit der Net AG an die Börse. Eine spannende Story. Exploding.

VOLLEY: Wann wurden Sie vom Fortuna-Virus befallen?
Achenbach: Mit 14 habe ich zum ersten mal das Phänomen des Fanblocks erlebt. Ich schwenkte eine der 3 x 3 Meter großen rot-weißen Fahnen. Auch damals hat uns Fortuna alle Höhen und Tiefen erleben lassen. Gut kann ich mich an die erfolgreichen BL-Aufstiegsrunden 66 und 71 erinnern. Auch zahlreiche Pokaltriumphe sowie Kultpartien in Gladbach, Leverkusen und Schalke haben sich in mein Gedächtnis gebrannt.

VOLLEY: Als Erwachsener wurde es dann aber richtig ernst für Sie
Achenbach: Bei einer Gala 1995 traf ich Matthes Mauritz, der ein Auge auf meine Frau geworfen hatte. Im Gespräch gab ich mich als Fortuna-Fan und Kunstkenner aus. Das wurde irgendwo gespeichert, denn als es 1997 um das Fortuna-Maskottchen ging, rief mich Heinz Hessling an. Dann erlebte ich erstmals Fortuna "live": Die Zusammenstellung der Jury und die heißblütigen Diskussionen über die zur Wahl stehenden Maskottchen waren geprägt von Politik, Neid und Inkompetenz. Beim anschließenden Abendessen mit dem Vorstand, stellte ich Herrn Hauswald neugierig Fragen. Er sah in mir einen intelligenten Kandidaten für den Beirat, in den ich dann auch umgehend gewählt wurde.

VOLLEY: Erst unbekannter Beirat, dann Vize, jetzt Vorstandssprecher. Eine atemberaubende Karriere
Achenbach: Richtig. 6 Wochen später trat Hauswald zurück. Als Nachfolger stand ich nicht zur Verfügung, da ich gerade mitten in einer beruflichen Umbruchsituation war und meine gesamte Aufmerksamkeit auf die Neuausrichtung meiner Aktivitäten richten mußte. Am Vortag der legendären JHV im November 1997 erfuhr ich von der Sparkasse, daß der Verein mit 4,5 Mio DM verschuldet und somit faktisch pleite war. Das Kreditinstitut forderte noch für den nächsten Abend ein beschlußfähiges Präsidium, das bereit war, Bürgschaften zu übernehmen. Aufgrund dieser bedrohlichen Lage, ließ ich mich doch ins Präsidium wählen. Ich dachte neben Ottens und Hessling nur eine begleitende Rolle spielen zu müssen. Leider habe ich unterschätzt, daß diese rot-weiße Fortuna-Krake mit ihren vielen Armen dann an mir rummachte. In der ersten Phase als Vizepräsident war ich hauptverantwortlich für das Marketing. Mit Familientag und Mitgliederwerbung konnten wir auch einiges bewirken. Mit dem Ergebnis, daß ich mich von morgens bis abends um Fortuna kümmern mußte. Als Ottens dann zurücktrat, zeigten alle auf mich. Ich wollte es unter keinen Umständen machen, aber andere hatten nicht den Mut. Ich habe im Interesse des Vereins nachgegeben. Jetzt kann man auch verstehen, warum meine bisher zweijährige Amtszeit als Vorstand für mich Greenhorn eigentlich zu früh kam und nicht fehlerfrei verlief.

Ein Greenhorn gegen Bosman
VOLLEY: Auch ein Greehorn lernt. Welche Fehler würden Sie nicht mehr machen?
Achenbach: Ich werde nicht mehr ein unerfahrenes Trainergespann abgezockten Profis gegenübersetzen. Fußball kann theoretisch vom Kopf bestimmt werden, aber praktisch nur auf dem Spielfeld. Dinge, wie Abstieg, sind die brutale Realität und das aufzuhalten ist uns nicht gelungen. Mein Fehler war, daß ich nicht brutal genug gewesen bin. Ich hätte viel früher diesen Zug in die falsche Richtung stoppen müssen. Allofs und Zewe konnten dies nicht. Die Konstellation von unerfahrenen Präsidenten und unerfahrenem Trainergespann war fatal. Das so etwas überhaupt passieren konnte, verdeutlicht die Situation des Vereins. Mit einem professionelleren Umfeld wäre das nicht passiert. Auch bringt es nichts öffentlich Kritik an Trainer und Mannschaft zu üben. Ein Fehler war es zu glauben, daß ich an die Ehre eines Profis appellieren kann. Den meisten kann man zwar seine Meinung sagen, die wenigsten nehmen aber etwas davon an. Diejenigen, bei denen das Ehrgefühl nicht erreichbar ist, die torpedieren die gemeinsamen Ziele und eröffnen Nebenkriegsschauplätze. Die Söldnermentalität ist überall vorhanden. Selbst wenn ein Jugendspieler in die erste Mannschaft aufrückt und sich mit dem Verein identifiziert. Spätestens wenn ihn ein Berater vertraglich verpflichtet hat, wird genauso hart gepokert als wenn er von einem anderen Verein gekommen wär. Die Verbundenheit gibt es dann nicht mehr. Sie wird zwar von den Spielern teilweise nach außen demonstriert, hört aber spätestens dann auf, wenn die Verhandlungen stattfinden. Das Bosman-Urteil hat dazu geführt, daß Vereine wie Fortuna Düsseldorf aufgrund des Wegfalls der Ablösesummen keine wirtschaftliche Basis mehr haben, es sei denn sie haben die Chance langfristige Verträge abzuschließen und zu planen. Das war in der Vergangenheit bei Fortuna nie der Fall.

VOLLEY: Wie wollen Sie diese Balance finden?
Achenbach: Wir müssen den Verein möglichst attraktiv machen für die Spieler. Umfeld und Perspektive müssen stimmen. Als wir abgestiegen sind, haben wir dieses Problem bei Cartus erlebt. Zu Saisonbeginn war er demotiviert. Damit wir ihn halten konnten, hat er eine Ausstiegsklausel in seinen 4-Jahresvertrag bekommen. Jedes Spiel, das er für uns mehr macht, ist ein Glücksfall.

VOLLEY: Sie selbst werden für Fortunas Talfahrt kaum verantwortlich gemacht. Sie sind beliebt und man assoziiert nach wie vor die Hoffnung auf bessere Zeiten mit Ihnen. Trotzdem dürften Sie Sticheleien ausgesetzt sein, nach dem Motto: Da kommt der Fortuna-Präsident, der Spinner
Achenbach: Wir glauben, dass wir aus den Fehlern - auch unseren - der Vergangenheit gelernt haben. Nun basteln wir an einer erfolgreichen Zukunft. Dazu brauchen wir alle Geduld. Wir haben zwar einen der vier höchsten Etats. Das Leistungsergebnis ist aber noch nicht zufriedenstellend. Meines Erachtens spüren die Leute, daß ich den Verein schätze und liebe und alles in meiner Macht stehende tun werde, daß Fortuna wieder nach oben kommt. Wir haben immer noch ein bitteres Süppchen auszulöffeln, das uns viele - bewußt oder unbewußt - eingebrockt haben. Als Repräsentant des Vereins, bin ich bei Mißerfolg der erste, der den Zorn oder viel schlimmer, den Hohn und die Ironie der Öffentlichkeit abbekommt. Das muß man eben auch wegstecken können. Meine Söhne werden nicht mal mehr mit Fortuna aufgezogen. Die spüren etwas Fataleres: An den Schulen sind wir gar kein Thema mehr. Da hat uns Rhein Fire klar überholt. Und das müssen wir ändern. Außer dem Präsidium, den Fanzines und einigen, wenigen Hardcore-Fans interessiert sich doch niemand mehr für uns. Das ist die Quittung für 10-20 Jahre Mißwirtschaft.

Mit Eurovisionen und Feeling 2000 gegen den Büdchenmann

VOLLEY: Sie müssen doch auch denken, "Ich klebe mir einen DEG-Aufkleber auf`s Auto, dann habe ich Ruhe vorm Büdchenmann und all den anderen Lästerern"
Achenbach: Ja, natürlich. Aber ich bin nicht angetreten für ein Jahr. So habe ich auch Henkel am Ende der letzten Saison überzeugt. Die hatten keinen Vertrag mehr. Aber ich habe es in einem persönlichen Gespräch klargemacht und eine "Jetzt-erst-recht"-Reaktion bei den Verantwortlichen hervorgerufen. Das Billigste wäre gewesen zurückzutreten. Das widerspricht aber meiner Mentalität. Die besteht in Durchhaltevermögen, Investieren von Zeit und stringenten Konzepten. Diese Einstellung kommt mir auch bei meinem Marathon-Training zugute.

VOLLEY: Mit welchen Hoffnungen, Zielen und Strategien verbinden Sie Fortunas Zukunft?
Achenbach: Auf den Weihnachtsfeiern von Fortuna70 und der B-Jugend war ich beeindruckt von derem intakten Mannschaftsgeist. Dort habe ich gespürt, daß wir stolz auf die Vergangenheit und optimistisch auf die Zukunft Fortunas blicken können. Ich habe den Jungs klar zu verstehen gegeben, daß es mir eine Ehre ist ihr Präsident zu sein. Anschließend auf der Feier der "Profis", habe ich meine vorangegangenen Erfahrungen eingebaut und hatte zum ersten Mal das Gefühl, daß die Jungs wirklich zugehört haben. Das sie verstehen, daß es auf ihren "Team Spirit" ankommt. Die Voraussetzungen stimmen: Unser Präsidium funktioniert gut. Die Vereinsstrukturen gehen sehr positiv miteinander um. Wir stehen für Transparenz, Integrität, Fairness und Kritikfähigkeit. Ich bin der Feind des Gutsherren. Mein demokratisches Verständnis ist, das wir nur als Team erfolgreich sein können. Und in dieses Team nehmen wir gerne jeden auf, der bereit ist zu helfen und sich nicht als einzelne Person in den Vordergrund spielen möchte. Ich nenne das "Fortuna-Feeling 2000".

VOLLEY: Also kein Anflug von Amtsmüdigkeit. Sie haben noch viel vor
Achenbach: Bis Ende nächster Saison möchte ich Impulse setzen. Wenn die Tendenz positiv bleibt, werde ich weitermachen. Wenn ich aber merke, daß all` meine Eurovisionen im Desaster enden, bin ich der falsche Mann. Wenn der Zug in die richtige Richtung fährt und wir, d.h. das Präsidium und die Sportwelt, das Gefühl haben, dass keine Kraft in unnützen Grabenkämpfen vergeudet wird, dann bleibe ich dabei. Unter Umständen sogar 10-12 Jahre und als Höhepunkt möchte ich uns allen dieses Baseler Erlebnis wieder bescheren. Das hat diese Stadt verdient. Gemeinsam schaffen wir das. Kurzfristig sehe ich Fortuna bis 2002 in der zweiten Liga und bis 2004 in der ersten Liga.

VOLLEY: Sie fordern unermüdlich professionelle Strukturen. Welche Rolle könnte dabei ein "Sportbeauftragter" übernehmen?
Achenbach: Wir benötigen eine hauptamtliche Führung mit vier Augen, die im wirtschaftlichen und sportlichen Bereich angesiedelt ist. Mit dem ehrenamtlichen Wurschteln muß Schluß sein. Fähige Leuten mit Kompetenz und Richtung sollen die operative Arbeit übernehmen. Ein objektiver Sportbeauftragter, der ständig nah an der Manschaft dran ist, kümmert sich um alles. Er könnte die noch dominierende Mischung aus Aktionismus und Naivität beenden. Ideal wäre Integrität, gepaart mit hoher sportlicher Kompetenz und der Fähigkeit strategisch zu denken. Diese Person muß die Zeit bekommen in die Aufgabe hineinzuwachsen. Sie muß einen Gegenpol zum Trainer bilden. Möglicherweise finden wir diese Person auch im eigenen Verein.

VOLLEY: Kann ein Drittligist sich das leisten?
Achenbach: Der Drittligist ist ja auf dem Sprung in die zweite Liga und zwar innerhalb der nächsten zwei Jahre. Wir befinden uns heute in einer Übergangsphase, in der wir aber schon die Strukturen für die Zukunft richten müssen. Ein Grund warum wir auch gescheitert sind, war, daß wir immer nur reagiert, nie agiert haben. Unsere große Chance ist, daß wir endlich mal ordentlich planen können. 70% der benötigten Qualität haben wir bereits in unserem Kader. Wenn wir noch 30% dazu addieren können wir 2001 oben mitspielen. In der RL wird wesentlich langsamer gespielt. Deshalb wollen wir, um für den drohenden Profifußball gerüstet zu sein, visionär, schnelle Spieler mit dieser Qualität einkaufen. Wir müssen bereits für die nächste Saison eine zweitligataugliche Mannschaft präsentieren.

VOLLEY: Inwiefern gilt die Professionalität für Nachwuchs und Marketing?
Achenbach: Mit der Unterstützung von Henkel wird es eine Jugendfußballschule und einen Austausch mit brasilianischen Talenten geben. Wir möchten ebenfalls die japanische Gemeinde einbinden und die Nigeria-Connection ausbauen. Quasi eine Achse Rio-Tokio-Lagos. Mit Alex Omogie haben wir ein weiteres hoffnungsvolles Talent verpflichtet. Zum Glück konnte ich einen "Gönner" davon überzeugen, daß Alex ein Mann für eine erfolgreichere Zukunft sein könnte. Trainer Gelsdorf installiert mit seinem Team ein Scoutsystem. Beim Marketing haben wir eine tolle Idee, die sich an das berühmte amerikanische Fundraising-System anlehnt. Wir möchten vier große Abende veranstalten, mit festlichem Dinner, verbunden mit Reden unterschiedlicher Partner. Oberbürgermeister Joachim Erwin, Lemke, Calmund, Rummenigge und Straub vom DFB. Es sollen mehrere Zielgruppen eingeladen und angesprochen werden. Ziel ist der Absatz von 50 Business Cards à 4.000 DM. Solche Dinge müssen wir umsetzen. Die lassen sich langsam entwickeln, weil der sportliche Bereich sich unseren Wunschvorstellungen annähert.

VOLLEY: Fortuna scheint also nach wie vor zu Höherem berufen
Achenbach: Mit Sicherheit. Und wir werden es schaffen. Schon bald, denn wir alle haben es redlich verdient.

VOLLEY: Vielen Dank für das Gespräch. Wir werden Sie zukünftig an Ihren Visionen messen.



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