Volley traf Fortunas Vorstandssprecher Helge
Achenbach. Ein Mann, dessen visionäre Kräfte ungebrochen sind.
Wir werden genau beobachten, ob seine Ideen an den Klippen der Realität
zerschellen oder ob wir tatsächlich zu Lebzeiten noch einmal europäisch
spielen werden.
VOLLEY: Neulich behauptete jemand, "der wirkliche
Job vom Achenbach steht nirgendwo - Gefängnispsychologe".
Achenbach: Ich habe tatsächlich ein Jahr im Jugendstrafvollzug
in Siegburg gearbeitet als Sozialpädagoge im Referendariat.
VOLLEY: Ist ihnen die Arbeit zugute gekommen im
Umgang mit Horden wilder Fans?
Achenbach: Einmal das, aber auch in der Zusammenarbeit mit Vorständen
(lacht).
Mauritz, Hauswald und die Kunstmarktkrise
VOLLEY: Nun wissen wir, daß sie
als Knastseelsorger tätig waren. Aber sonst ist wenig über
ihr Leben bekannt.
Achenbach: Ursprünglich komme ich aus Siegen. Mit vierzehn Jahren
bin ich nach Düsseldorf gezogen. Nach meinem Fachabitur begann
ich 1970 im roten Eller mit dem Studium der Sozialpädagogik. Parallel
dazu haben wir eine kleine Galerie aufgemacht. Sie war völlig defizitär
- es ging mir aber darum, mich mit kultigen Künstlern zu beschäftigen.
Im Anschluß an mein Examen bin ich 1975 als Geschäftsführer
einer großen Galerie in den professionellen Kunsthandel eingestiegen.
Dort habe ich zum ersten Mal unternehmerische Kompetenz erlernt. Zwei
Jahre später erfolgte mein Schritt in die Selbständigkeit.
Ich wurde der erste Art Consultant (Kunstberater) Deutschlands. Während
der Kunstmarktkrise 1990 habe ich systematisch versucht im Sinne einer
Veränderungsstrategie andere unternehmerische Aktivitäten
zu entwickeln. Dies gelang mir durch Investitionen im Bereich Architektur
und Design oder mit der Gründung einer Filmproduktionsgesellschaft.
Diese kreiert anspruchsvolle Spielfilme z.B. für Arte. Also eher
die schwierigen Stoffe. Zusätzlich halte ich Beteiligungen an Hochtechnologieunternehmen.
In diesen Tagen gehen wir mit der Net AG an die Börse. Eine spannende
Story. Exploding.
VOLLEY: Wann wurden Sie vom Fortuna-Virus befallen?
Achenbach: Mit 14 habe ich zum ersten mal das Phänomen des Fanblocks
erlebt. Ich schwenkte eine der 3 x 3 Meter großen rot-weißen
Fahnen. Auch damals hat uns Fortuna alle Höhen und Tiefen erleben
lassen. Gut kann ich mich an die erfolgreichen BL-Aufstiegsrunden 66
und 71 erinnern. Auch zahlreiche Pokaltriumphe sowie Kultpartien in
Gladbach, Leverkusen und Schalke haben sich in mein Gedächtnis
gebrannt.
VOLLEY: Als Erwachsener wurde es dann aber richtig
ernst für Sie
Achenbach: Bei einer Gala 1995 traf ich Matthes Mauritz, der ein Auge
auf meine Frau geworfen hatte. Im Gespräch gab ich mich als Fortuna-Fan
und Kunstkenner aus. Das wurde irgendwo gespeichert, denn als es 1997
um das Fortuna-Maskottchen ging, rief mich Heinz Hessling an. Dann erlebte
ich erstmals Fortuna "live": Die Zusammenstellung der Jury
und die heißblütigen Diskussionen über die zur Wahl
stehenden Maskottchen waren geprägt von Politik, Neid und Inkompetenz.
Beim anschließenden Abendessen mit dem Vorstand, stellte ich Herrn
Hauswald neugierig Fragen. Er sah in mir einen intelligenten Kandidaten
für den Beirat, in den ich dann auch umgehend gewählt wurde.
VOLLEY: Erst unbekannter Beirat, dann Vize, jetzt
Vorstandssprecher. Eine atemberaubende Karriere
Achenbach: Richtig. 6 Wochen später trat Hauswald zurück.
Als Nachfolger stand ich nicht zur Verfügung, da ich gerade mitten
in einer beruflichen Umbruchsituation war und meine gesamte Aufmerksamkeit
auf die Neuausrichtung meiner Aktivitäten richten mußte.
Am Vortag der legendären JHV im November 1997 erfuhr ich von der
Sparkasse, daß der Verein mit 4,5 Mio DM verschuldet und somit
faktisch pleite war. Das Kreditinstitut forderte noch für den nächsten
Abend ein beschlußfähiges Präsidium, das bereit war,
Bürgschaften zu übernehmen. Aufgrund dieser bedrohlichen Lage,
ließ ich mich doch ins Präsidium wählen. Ich dachte
neben Ottens und Hessling nur eine begleitende Rolle spielen zu müssen.
Leider habe ich unterschätzt, daß diese rot-weiße Fortuna-Krake
mit ihren vielen Armen dann an mir rummachte. In der ersten Phase als
Vizepräsident war ich hauptverantwortlich für das Marketing.
Mit Familientag und Mitgliederwerbung konnten wir auch einiges bewirken.
Mit dem Ergebnis, daß ich mich von morgens bis abends um Fortuna
kümmern mußte. Als Ottens dann zurücktrat, zeigten alle
auf mich. Ich wollte es unter keinen Umständen machen, aber andere
hatten nicht den Mut. Ich habe im Interesse des Vereins nachgegeben.
Jetzt kann man auch verstehen, warum meine bisher zweijährige Amtszeit
als Vorstand für mich Greenhorn eigentlich zu früh kam und
nicht fehlerfrei verlief.
Ein Greenhorn gegen Bosman
VOLLEY: Auch ein Greehorn lernt. Welche
Fehler würden Sie nicht mehr machen?
Achenbach: Ich werde nicht mehr ein unerfahrenes Trainergespann abgezockten
Profis gegenübersetzen. Fußball kann theoretisch vom Kopf
bestimmt werden, aber praktisch nur auf dem Spielfeld. Dinge, wie Abstieg,
sind die brutale Realität und das aufzuhalten ist uns nicht gelungen.
Mein Fehler war, daß ich nicht brutal genug gewesen bin. Ich hätte
viel früher diesen Zug in die falsche Richtung stoppen müssen.
Allofs und Zewe konnten dies nicht. Die Konstellation von unerfahrenen
Präsidenten und unerfahrenem Trainergespann war fatal. Das so etwas
überhaupt passieren konnte, verdeutlicht die Situation des Vereins.
Mit einem professionelleren Umfeld wäre das nicht passiert. Auch
bringt es nichts öffentlich Kritik an Trainer und Mannschaft zu
üben. Ein Fehler war es zu glauben, daß ich an die Ehre eines
Profis appellieren kann. Den meisten kann man zwar seine Meinung sagen,
die wenigsten nehmen aber etwas davon an. Diejenigen, bei denen das
Ehrgefühl nicht erreichbar ist, die torpedieren die gemeinsamen
Ziele und eröffnen Nebenkriegsschauplätze. Die Söldnermentalität
ist überall vorhanden. Selbst wenn ein Jugendspieler in die erste
Mannschaft aufrückt und sich mit dem Verein identifiziert. Spätestens
wenn ihn ein Berater vertraglich verpflichtet hat, wird genauso hart
gepokert als wenn er von einem anderen Verein gekommen wär. Die
Verbundenheit gibt es dann nicht mehr. Sie wird zwar von den Spielern
teilweise nach außen demonstriert, hört aber spätestens
dann auf, wenn die Verhandlungen stattfinden. Das Bosman-Urteil hat
dazu geführt, daß Vereine wie Fortuna Düsseldorf aufgrund
des Wegfalls der Ablösesummen keine wirtschaftliche Basis mehr
haben, es sei denn sie haben die Chance langfristige Verträge abzuschließen
und zu planen. Das war in der Vergangenheit bei Fortuna nie der Fall.
VOLLEY: Wie wollen Sie diese Balance finden?
Achenbach: Wir müssen den Verein möglichst attraktiv machen
für die Spieler. Umfeld und Perspektive müssen stimmen. Als
wir abgestiegen sind, haben wir dieses Problem bei Cartus erlebt. Zu
Saisonbeginn war er demotiviert. Damit wir ihn halten konnten, hat er
eine Ausstiegsklausel in seinen 4-Jahresvertrag bekommen. Jedes Spiel,
das er für uns mehr macht, ist ein Glücksfall.
VOLLEY: Sie selbst werden für Fortunas Talfahrt
kaum verantwortlich gemacht. Sie sind beliebt und man assoziiert nach
wie vor die Hoffnung auf bessere Zeiten mit Ihnen. Trotzdem dürften
Sie Sticheleien ausgesetzt sein, nach dem Motto: Da kommt der Fortuna-Präsident,
der Spinner
Achenbach: Wir glauben, dass wir aus den Fehlern - auch unseren - der
Vergangenheit gelernt haben. Nun basteln wir an einer erfolgreichen
Zukunft. Dazu brauchen wir alle Geduld. Wir haben zwar einen der vier
höchsten Etats. Das Leistungsergebnis ist aber noch nicht zufriedenstellend.
Meines Erachtens spüren die Leute, daß ich den Verein schätze
und liebe und alles in meiner Macht stehende tun werde, daß Fortuna
wieder nach oben kommt. Wir haben immer noch ein bitteres Süppchen
auszulöffeln, das uns viele - bewußt oder unbewußt
- eingebrockt haben. Als Repräsentant des Vereins, bin ich bei
Mißerfolg der erste, der den Zorn oder viel schlimmer, den Hohn
und die Ironie der Öffentlichkeit abbekommt. Das muß man
eben auch wegstecken können. Meine Söhne werden nicht mal
mehr mit Fortuna aufgezogen. Die spüren etwas Fataleres: An den
Schulen sind wir gar kein Thema mehr. Da hat uns Rhein Fire klar überholt.
Und das müssen wir ändern. Außer dem Präsidium,
den Fanzines und einigen, wenigen Hardcore-Fans interessiert sich doch
niemand mehr für uns. Das ist die Quittung für 10-20 Jahre
Mißwirtschaft.
Mit Eurovisionen und Feeling 2000
gegen den Büdchenmann
VOLLEY: Sie müssen doch auch denken, "Ich
klebe mir einen DEG-Aufkleber auf`s Auto, dann habe ich Ruhe vorm Büdchenmann
und all den anderen Lästerern"
Achenbach: Ja, natürlich. Aber ich bin nicht angetreten für
ein Jahr. So habe ich auch Henkel am Ende der letzten Saison überzeugt.
Die hatten keinen Vertrag mehr. Aber ich habe es in einem persönlichen
Gespräch klargemacht und eine "Jetzt-erst-recht"-Reaktion
bei den Verantwortlichen hervorgerufen. Das Billigste wäre gewesen
zurückzutreten. Das widerspricht aber meiner Mentalität. Die
besteht in Durchhaltevermögen, Investieren von Zeit und stringenten
Konzepten. Diese Einstellung kommt mir auch bei meinem Marathon-Training
zugute.
VOLLEY: Mit welchen Hoffnungen, Zielen und Strategien
verbinden Sie Fortunas Zukunft?
Achenbach: Auf den Weihnachtsfeiern von Fortuna70 und der B-Jugend war
ich beeindruckt von derem intakten Mannschaftsgeist. Dort habe ich gespürt,
daß wir stolz auf die Vergangenheit und optimistisch auf die Zukunft
Fortunas blicken können. Ich habe den Jungs klar zu verstehen gegeben,
daß es mir eine Ehre ist ihr Präsident zu sein. Anschließend
auf der Feier der "Profis", habe ich meine vorangegangenen
Erfahrungen eingebaut und hatte zum ersten Mal das Gefühl, daß
die Jungs wirklich zugehört haben. Das sie verstehen, daß
es auf ihren "Team Spirit" ankommt. Die Voraussetzungen stimmen:
Unser Präsidium funktioniert gut. Die Vereinsstrukturen gehen sehr
positiv miteinander um. Wir stehen für Transparenz, Integrität,
Fairness und Kritikfähigkeit. Ich bin der Feind des Gutsherren.
Mein demokratisches Verständnis ist, das wir nur als Team erfolgreich
sein können. Und in dieses Team nehmen wir gerne jeden auf, der
bereit ist zu helfen und sich nicht als einzelne Person in den Vordergrund
spielen möchte. Ich nenne das "Fortuna-Feeling 2000".
VOLLEY: Also kein Anflug von Amtsmüdigkeit.
Sie haben noch viel vor
Achenbach: Bis Ende nächster Saison möchte ich Impulse setzen.
Wenn die Tendenz positiv bleibt, werde ich weitermachen. Wenn ich aber
merke, daß all` meine Eurovisionen im Desaster enden, bin ich
der falsche Mann. Wenn der Zug in die richtige Richtung fährt und
wir, d.h. das Präsidium und die Sportwelt, das Gefühl haben,
dass keine Kraft in unnützen Grabenkämpfen vergeudet wird,
dann bleibe ich dabei. Unter Umständen sogar 10-12 Jahre und als
Höhepunkt möchte ich uns allen dieses Baseler Erlebnis wieder
bescheren. Das hat diese Stadt verdient. Gemeinsam schaffen wir das.
Kurzfristig sehe ich Fortuna bis 2002 in der zweiten Liga und bis 2004
in der ersten Liga.
VOLLEY: Sie fordern unermüdlich professionelle
Strukturen. Welche Rolle könnte dabei ein "Sportbeauftragter"
übernehmen?
Achenbach: Wir benötigen eine hauptamtliche Führung mit vier
Augen, die im wirtschaftlichen und sportlichen Bereich angesiedelt ist.
Mit dem ehrenamtlichen Wurschteln muß Schluß sein. Fähige
Leuten mit Kompetenz und Richtung sollen die operative Arbeit übernehmen.
Ein objektiver Sportbeauftragter, der ständig nah an der Manschaft
dran ist, kümmert sich um alles. Er könnte die noch dominierende
Mischung aus Aktionismus und Naivität beenden. Ideal wäre
Integrität, gepaart mit hoher sportlicher Kompetenz und der Fähigkeit
strategisch zu denken. Diese Person muß die Zeit bekommen in die
Aufgabe hineinzuwachsen. Sie muß einen Gegenpol zum Trainer bilden.
Möglicherweise finden wir diese Person auch im eigenen Verein.
VOLLEY: Kann ein Drittligist sich das leisten?
Achenbach: Der Drittligist ist ja auf dem Sprung in die zweite Liga
und zwar innerhalb der nächsten zwei Jahre. Wir befinden uns heute
in einer Übergangsphase, in der wir aber schon die Strukturen für
die Zukunft richten müssen. Ein Grund warum wir auch gescheitert
sind, war, daß wir immer nur reagiert, nie agiert haben. Unsere
große Chance ist, daß wir endlich mal ordentlich planen
können. 70% der benötigten Qualität haben wir bereits
in unserem Kader. Wenn wir noch 30% dazu addieren können wir 2001
oben mitspielen. In der RL wird wesentlich langsamer gespielt. Deshalb
wollen wir, um für den drohenden Profifußball gerüstet
zu sein, visionär, schnelle Spieler mit dieser Qualität einkaufen.
Wir müssen bereits für die nächste Saison eine zweitligataugliche
Mannschaft präsentieren.
VOLLEY: Inwiefern gilt die Professionalität
für Nachwuchs und Marketing?
Achenbach: Mit der Unterstützung von Henkel wird es eine Jugendfußballschule
und einen Austausch mit brasilianischen Talenten geben. Wir möchten
ebenfalls die japanische Gemeinde einbinden und die Nigeria-Connection
ausbauen. Quasi eine Achse Rio-Tokio-Lagos. Mit Alex Omogie haben wir
ein weiteres hoffnungsvolles Talent verpflichtet. Zum Glück konnte
ich einen "Gönner" davon überzeugen, daß Alex
ein Mann für eine erfolgreichere Zukunft sein könnte. Trainer
Gelsdorf installiert mit seinem Team ein Scoutsystem. Beim Marketing
haben wir eine tolle Idee, die sich an das berühmte amerikanische
Fundraising-System anlehnt. Wir möchten vier große Abende
veranstalten, mit festlichem Dinner, verbunden mit Reden unterschiedlicher
Partner. Oberbürgermeister Joachim Erwin, Lemke, Calmund, Rummenigge
und Straub vom DFB. Es sollen mehrere Zielgruppen eingeladen und angesprochen
werden. Ziel ist der Absatz von 50 Business Cards à 4.000 DM.
Solche Dinge müssen wir umsetzen. Die lassen sich langsam entwickeln,
weil der sportliche Bereich sich unseren Wunschvorstellungen annähert.
VOLLEY: Fortuna scheint also nach wie vor zu Höherem
berufen
Achenbach: Mit Sicherheit. Und wir werden es schaffen. Schon bald, denn
wir alle haben es redlich verdient.
VOLLEY: Vielen Dank für das Gespräch.
Wir werden Sie zukünftig an Ihren Visionen messen.