Nimm mich Volley
Ausgabe 3 - März 2000
 
 Ausschnitte aus der Ausgabe

Ein schlafender und sich auf Bäumen paarender Pechvogel

Achenbach Interview - Zurück nach Basel

René Bachmann - Ein Fortuna Fan auf Job-Suche

Manfred Bockenfeld - Stichworte










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René Bachmann - Ein Fortuna Fan auf Job-Suche

Überall Möpse
Manchmal kotzt mich das Leben an. Manchmal nervt schon das Morgenlicht, das mich weckt, der Geruch dieser Frau neben mir, die Dusche, das verdammte Zähneputzen. Der Frühstückstoast schmeckt nach Routine, die Nachbarskinder kreischen mich um den Verstand. Der Weg zur Arbeit ist eine Qual. Um mich in der S-Bahn nur Roboter mit Vertragsabschluß-Gesichtern, "witzigen" Donald-Duck-Krawatten und Kaffeeflecken auf ihren Hemden. Die S-Bahn fährt in einen Tunnel, und ich erinnere mich an unseren letzten wilden Urlaub, damals mit 20, unterwegs mit den besten Freunden. Wie wir am Strand die besten Brüste Griechenlands prämiert, Flohmarktpunks-Brustrasierer-Gartenzwergsammler verlacht und uns nachts mit Wodka und Jägermeister die Birne weggeschossen haben. Das war ein Spaß. Es war hormonelle Willkür, teilweise Nachahmung, eine Prise Gruppenzwang und ein Hauch blinde Panik. Wir waren junge Tiere. Ein Leben. War das nicht erst gestern? Dann komme ich ins Büro und der erste Kunde ist diese leere Hose aus der Bahn mit dem Kaffeefleck auf dem Hemd. Ich bin höflich. Manchmal kotzt mich das Leben an. Das sind die guten Tage. An den schlechten Tagen spüre ich meine Unzufriedenheit nicht mal mehr. Vom Streß in Reih` und Glied betoniert, funktioniere ich nur noch vor mich hin, sitze die Stunden ab wie ein Häftling. An schlechten Tagen küsse ich meine Frau nicht, sondern belippe sie nur. Die Nachbarsblagen sind mir so egal, sie stören nicht einmal mehr. An guten Tagen kotzt mich das Leben an - aber immerhin ich spüre es noch. An schlechten Tagen hat die Alltäglichkeit meine Sinne komplett betäubt. Ich glaube alles wäre in bester Ordnung, dabei ist mein Leben komplett im Arsch. Ich entschließe mich dem Rat der tibetanischen Austauschschülerin zu folgen und einen Psychiater aufzusuchen. Hauptsache es passiert was. Hauptsache, Morgen stinkt nicht nach gestern.

Auf der Couch und in der Natur
In den Behandlungsräumen des Seelenklempners, traf ich auf eine gewisse Eve, die sich als Praxissekretärin vorstellte (Hobbies: Sex, immer und überall). 10 Sekunden später lag ich auf der Couch von Prof. Essio Nell. Er forderte mich auf von mir zu erzählen. Ich berichtete von meiner Unzufriedenheit im Job, religiösen Wahrnehmungsstörungen und der Sehnsucht nach erstklassigem Fußball (Ausnahmsweise erwähnte ich Fußball nur am Rande, da ein Teil von mir sich davor fürchtete, dem Therapeuten präzise zu erklären, welche Bedeutung dieser Sport für mich hat) Der Professor dachte nach. Zur Entspannung legte er die 28-minütige-Alternativ-Accapella-Version von American Pie auf. Dann sprach er: "Du hast Angst vor dem Leben als Erwachsener." Was für eine Neuigkeit. Er fuhr fort: "Leben ist das, was einem zustößt, während man auf die Erfüllung der Hoffnung und Träume wartet. Deine Frustration kann Dir als Treibsatz für Veränderungen dienen. So wie Beethoven durch seine Taubheit die Musik revolutionierte, Hitler wegen seines Gesamtkomplexes neue, schöne Landkarten entwarf und ich aufgrund meiner Impotenz..., aber lassen wir das! Wähle einen Beruf, der Dich erfüllt. Du bist noch jung, nutze die Zeit." Mit kaum vernehmbarer Stimme wisperte ich: "Ich habe Angst vor morgen." Auch hier wußte er Rat: "Das liegt an Deiner Sensibilität. Wahrscheinlich bist Du zu lange gestillt worden. Wie ist Deine Beziehung zu Deiner Mutter?" Meinen seelischen Schaden hatte ich als eine Art Geburtsfehler akzeptieren gelernt, über meine Mutter mochte ich dem glitschigen Therapeuten aber nichts erzählen, da rief er: "Du blockst noch. Laß Dich fallen." Ich verschwand. Tags darauf lag meine Kündigung auf dem Tisch meines Chefs. Ich genoß die nächsten Wochen der Freiheit. Glücklicherweise lebe ich im Hier und Jetzt und nicht vor hundert Jahren. Früher gab es nichts von all dem, auf das ich täglich angewiesen bin: tagsüber nichts im Fernsehen, keine Videos, keine Hochglanzzeitschriften. Ich hätte mir fast sicher einen Job suchen müssen, weil ich sonst im Park kleinen Jungs nachgestellt hätte. Nach ein paar Monaten des Freizeitstresses kroch allmählich ein wenig die Langeweile in mir hoch und ich machte mir dann doch Gedanken über eine seriöse Beschäftigung. Schließlich wollte ich nicht, daß meine Bekannten eines Tages die Schlagzeile: "Irrer Menschenfresser tanzte mit nackter Liebespuppe" über mich in der Zeitung lesen mußten.

Taxi zum Klo
Ein Freund machte mich darauf aufmerksam, daß "Fortuna", der darbende Fußballverein meiner Heimatstadt, einen Manager für ab sofort suchte. Wildentschlossen rief ich an und erhielt tatsächlich eine Einladung für den nächsten Tag. Ich betrat die heiligen Räume des Traumvereins. Vor dem Waschraum traf ich auf einen distinguierten Herrn. "Seien Sie vorsichtig", riet er mir. "Wenn man auf dem Klo ist, hört man von irgendwoher Stimmen." Er machte ein äußerst verdutztes Gesicht als ich ihm antwortete: "Ich höre immer und überall von irgendwoher Stimmen. Sie sind in meinem Kopf." Einen Augenblick später saß er mir gegenüber und entpuppte sich als mein potentieller Vorgesetzter Helgo Lachenbach. Ich glaube, es gibt zahlreiche Methoden, bei Leuten, die einen zum Vorstellungsgespräch bitten, einen günstigeren Eindruck zu machen. Herr L. eröffnete mit einem tödlichen Paß das Gespräch: "Verraten Sie mir, womit Sie sich außer Fußball noch so beschäftigen." Außer Fußball? Diese Frage traf mich völlig unvorbereitet. Eigentlich gab es darauf gar keine Antwort und wenn, müßte sie lauten: mit nichts! "Ich beschäftige mich mit arabischer Geschichte in Europa, rechtsrheinischer Theologie und naiver Höhlenmalerei." Jetzt war es endlich raus. Der große Programmierer dort oben hatte mein Hirn mal wieder auf Standbild eingefroren. Überraschenderweise schien mein Gegenüber Gefallen an meinen perversen Hobbies gefunden zu haben: "Interessant. Was halten Sie von Frauen und Gleichberechtigung?", wollte er nun von mir wissen. Eines meiner Lieblingsthemen. Ich witterte ein Heimspiel: "Eine Frau ist durchaus ein symphatisches Geschöpf. Gerne teile ich mir mit ihr und all ihren Verwandten diesen Planeten. Mein Arbeitsleben möchte ich aber bitte nicht mit ihnen verbringen. Einst war ich für das Recht auf Gleichberechtigung, dann war ich fünf Jahre dagegen, seit fünf Jahren bin ich wieder voll dafür." Von meiner Aussage erwartete ich Rückenwind. Denn wer seine Standpunkte so hübsch ändern kann, der lebt auch gerne und braucht sich nicht einschläfern zu lassen. Der Meinungswandel gehört zum Leben, ebenso wie der Stimmungsumschwung. Es kam anders. Da Helgo Lachenbach in seinem früheren Leben - wie er gestand - eine Frau war, verstimmte ihn meine Offenheit leicht, trotzdem blieb er freundlich: "Haben Sie noch eine Frage?" Wie ferngesteuert öffnete sich mein Mund und heraus kam: "Warum gibt es keinen Joghurt mit der Geschmacksrichtung Bensenman oder kleine Raupe Nimmersatt?" Helgo komplimentierte mich hinaus mit den Worten "Wir melden uns bei Ihnen." Ich habe nie wieder von ihm gehört. War jetzt der Zeitpunkt gekommen sich ernsthaft Sorgen zu machen? Und wenn ja, worüber?

Liebe unterm Alex
Ich hatte es mal wieder vermasselt. Es war okay, für einige Dinge nicht geschaffen zu sein, daß ich aber einen Job als Fußball-Manager nicht bekomme, weil ich die falsche Einstellung zu Frauen habe, war gar nicht okay. Gerade diese Sportart sollte eines der letzten Refugien, für die vom Aussterben bedrohte Spezies der Chauvis bleiben. Schwamm drüber. Mittlerweile arbeite ich als Lobbyist bei der Regierung und berate den militärisch-industriellen Komplex. Meine Arbeitszeiten überschneiden sich mit den Spielen meiner Fortuna. Das ist nicht gut, denn für uns Fans gilt: Wenn wir am Fußballgenuß gehindert werden, flüchten wir uns in die Scheinwelt der Drogen. Zum Erlebnis dieser bewußtseinsverändernden Stimulanzien gibt es aber noch Steigerungen. Wenn ich mir ultimative Ekstase vorstelle, denke ich nicht an wilde Opium-Bondage-Rollenspiel-Orgien mit den Sat-1-Party-Girls Monica Lierhaus und Astrid Frohloff (daran natürlich auch), sondern an die finale Erstürmung des zweiten Tabellenplatzes. An eine Aufstiegsrunde mit sommerlichen Reisen zum VFR Mannheim und zum entscheidenden Spiel bei Union Berlin, wo Fortuna und die 8.000 mitgereisten Fans die Welt aus den Angeln heben werden. Daran will ich glauben. Wenn ich mich den Schützen des entscheidenden Treffers, Heinz Vossen, auf meinen Schultern am Alex vorbeitragen sehe, dann vergesse ich all` meine Probleme: die wahnsinnige Videorechung für Pornos, das-nicht-erwachsen-werden-wollen-oder-können-aber-müssen-Syndrom, das Heranrücken der Karnevalszeit, die mißlungene Stricherkarriere und die Einstellung von Tim und Struppi, Dallas, Sledge Hammer und Columbo. Und wenn`s am Ende doch nur Platz 4 wird? Macht nichts. Ich hab ja die Nummern von Monica und Astrid.


· "..., die dich zuerst nervös macht, dann gereizt, schließlich schlaff und endlich so stumpf, daß du mit allem zufrieden bist, was nun folgt.
· Wessen Idole nicht Lawrence von Arabien oder Dirty Harry, sondern Ralf Bauer und Wigald Boning sind, hat jegliches Recht auf saubere Atemluft verwirkt.
· Ganz gleich ob Pferd, Uhu oder Brillenschlange. Wenn es schmeckt, ist es mir egal was es vorher war.
· Die regierung
· "Bist Du vom normalen tanzen?" Titanic 6/92 S57 vorletzte Spalte
· Ich finde diesen Satz so ausreichend hübsch, daß ich mich von der Pflicht entbunden fühle, auch mal einen Artikel über .... zu verfassen, von dem ohnehin nur erwartet würde, daß er bissig, wütend und scharf pointiert sei und daß in ihm mit dem (gesellschaftlichen) Phänomen der ... hart ins Gericht oder gar abgerechnet werde. Diesen altbackenen Erwartungen werde ich nie und nimmer gerecht werden wollen. Wozu auch?
· Nicht ich bin ironisch. Das Leben ist es.
· Ich kann nicht mehr atmen
· Ich hab´ auf so mancher Beerdigung schon mehr gelacht
· Salat? Wie soll ich denn da meine Figur halten?
· Was auch nur irgendjemand an Obernerver Jürgen Drews oder Oberkinn Michael Schumacher toll findet, mögen mir dereinst die Engelein verklickern, wenn ich mit Auszeichnungen für Aufrichtigkeit behangen durch den Himmel spaziere.
· Unwürdiges Spektakel
· Ich möchte mich einmal mit mir selbst zusammensetzen, nur um zu sehen wer der Stärkere ist - ich oder ich.
· Ich muß noch ein paar Selbstgespräche führen
· Ich sag`s euch, wenn ich`s weiß
· Verführt durch meine pseudoerotischen Erzählungen
· Ins Herz einer weltweiten Verschwörung vordringen
· Alien-Kopfgeldjäger
· Gedankenkontrolle
· Wenn jemand einfach ...., dann kann auch alles andere Gute jederzeit geschehen



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